Hans Helmut Kornhuber in der F.A.Z. vom 31.07.2008:


Beweispflichtig ist, wer Freiheit leugnet

Zum Briefwechsel über die Hirnforschung (F.A.Z. Feuilleton vom 17. Juli):

Wolf Singer predigt Unfreiheit und Unverantwortlichkeit. Für die Freiheit, die Phylogenese und Kultur hervorgebracht, haben, scheint er blind zu sein. Dass der Mensch zu Wahrheit gelangt, ist angesichts der Konvergenz vieler Erkenntnisse kaum zu bezweifeln, auch wenn diese Wahrheiten nur Näherungen sind. Wahrheit gibt es aber nicht ohne Freiheit; auch Kunst, Technik und so weiter nicht. Beweispflichtig ist also, wer Freiheit leugnet. Wer dies aber versucht, widerspricht sich selbst, denn er meint ja, etwas Wahres zu sagen. Kant wehrte sich gegen vermeintliche Unfreiheit im Mundus sensibilis, indem er seine Welt der sittlichen Erfahrung dagegensetzte, den Mundus intelligibilis. Er nannte die Willensfreiheit „Freiheit im positiven Sinne“. Max Planck meinte irrig: Von innen sind wir frei, von außen gesehen unfrei. In Wirklichkeit stimmen innere und äußere Freiheit aber meist überein, wenn wir nicht berauscht oder manisch sind. Der Irrtum ist die metaphysische Alles-oder-nichts-Freiheit. Wirkliche Freiheit ist bedingt, veränderlich, vielfältig und gradiert. Ein Erwachsener ist freier als ein Kleinkind, ein Nüchterner als ein Betrunkener, ein Mensch als ein Affe.

Singer sagt, die innere Wahrnehmung von Freiheit sei Illusion. Freiheitsillusionen gibt es, sie sind gefährlich, etwa beim alkoholisch angeheiterten Autofahren. Im LSD-Rausch meinen manche, fliegen zu können, und springen vom Balkon. Realistische Freiheitseinschätzung ist also lebenswichtig. Wir nehmen Freiheit auch bei unseren Mitmenschen wahr, so dürften wir unseren Autoschlüssel nicht einem angetrunkenen Freund geben. Für Freiheit muss man nicht aus der Natur hinausspringen, im Gegenteil: Gerade weil Freiheit auf Natur und Kultur beruht, können wir Menschen helfen, freier zu werden: durch Bildung, Arznei und so weiter. Ohne eigene Anstrengung geht es dabei nicht, wie schon Hesiod sah: „Vor Tugend haben die Götter Schweiß gesetzt.“ Beim Werden der Persönlichkeit: in der Jugend ist Selbstdisziplin wichtig: darauf zielt sokratische Erziehung. Freiheit besteht unter anderem in Kreativität. Diese macht den Menschen aber auch gefährlich; deshalb braucht er Moral, die über Brutpflege und Gruppenregeln der Schimpansen hinausgeht. Diese Moral entwickelt sich kulturell, wird durch Gene und Erziehung beeinflusst, aber auch durch eigene Entscheidungen geformt. Laut Zwillingsforschung wird unsere Persönlichkeit (etwa die Rechtstreue) im Durchschnitt nur zu etwas mehr als der Hälfte von Genen und Familienumwelt bestimmt, in den restlichen individuellen Faktoren steckt selbstverständlich auch eigener Wille.

Nachdem die amerikanische Psychologie nach 1945 die Willensforschung in Europa zerstört hatte und sich seit der Entdeckung des Bereitschaftspotentials 1965 und der neurophysiologischen Klarstellung des Frontalhirns als Zentrum des vernünftigen Willens die Psychologen wieder an die Willensforschung wagten, gab es eine Renaissance der Willensfreiheit. Dieser Rückkehr zur Vernunft stellten sich Wolf Singer und Gerhard Roth mit Thesen von Unfreiheit und Unverantwortlichkeit des Menschen entgegen, die von den Medien nun aufgeblasen wurden. Dass die Mehrheit der Hirnforscher diesen Thesen zustimme, wie Singer behauptet, davon kann keine Rede sein. Nicht einmal alle jener wenigen, die er zu seinem propagandistischen „Manifest“ überreden konnte, stehen im persönlichen Gespräch dazu. Totaldeterminismus ist eine Ideologie, die Freiheit entmutigt. Welche große Bedeutung Freiheit heute in der Wirtschaft hat, findet man bei dem Nobelpreisträger Sen: Er lehrt Freiheit als Mittel und Ziel der Entwicklung („Ökonomie für den Menschen“). Äußere und innere Freiheit fördern sich gegenseitig. An Freiheit in den Reformen von Stein, Humboldt und Erhard sei erinnert.